Das Leben konfrontiert uns regelmäßig mit verschiedenen Herausforderungen. Ob es sich dabei um Krankheiten, Trennungen, finanzielle Schwierigkeiten, Unfälle, Gewalterfahrungen, Tod von Angehörigen oder andere Widrigkeiten handelt: Entscheidend ist, wie wir auf die Situation reagieren. Dabei zeigt das Ausmaß unserer Resilienz, ob wir aus der Krisensituation gestärkt hervorgehen.
Das Dorsch Lexikon für Psychologie definiert Resilienz als „Widerstandsfähigkeit eines Individuums, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse […] erfolgreich zu entwickeln.“ Ein bekanntes Beispiel für ein hohes Ausmaß an Resilienz ist der Ultramarathonläufer, Unternehmer, Ex Navy SEAL, Rettungssanitäter und Waldbrandbekämpfer David Goggins. Dieser hat mehr als siebzig Ultra-Distanz-Rennen absolviert und das mit gebrochenem Fuß, kaputtem Knie, Höhenlungenödem, Metallplatte im Knie bei zersägtem Knochen, Herzproblemen (Vorhofflimmern) usw. Doch das war nicht von Anfang an so. Bis zum 24. Lebensjahr war David übergewichtig und traumatisiert durch Gewalterfahrungen und Misshandlungen in seiner Kindheit. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und trug eine Vielzahl von negativen Glaubenssätzen in sich, die ihn in seiner Entwicklung behinderten. Er bezeichnete sich selbst als geborenen Verlierer. Doch dann entschied David, etwas zu ändern. Er wollte unbedingt ein Navy SEAL werden, und von da an nahm sein Leben eine andere Richtung.
Ein paar inspirierende Gedanken aus seinem aktuellen Buch „Never Finished. Überwinde dich selbst und werde außergewöhnlich“ möchte ich nachfolgend vorstellen. Dabei beziehe ich mich auf die Kindle-Version.
„[…] Dann ist da noch der Glaube, der aus der Resilienz erwächst. Er entsteht, wenn man sich durch Schichten von Schmerz, Erschöpfung und Vernunft hindurcharbeitet und der allgegenwärtigen Versuchung widersteht, aufzugeben […].“
Goggins, Never Finished, 13
1. Potenzial maximieren
Mit 24 fühlte sich David gebrochen. Wie er im Buch schreibt, war es zu dieser Zeit sein Ziel, einfach zu überleben – „und nicht etwa wirklich zu leben. (21)“ Das Leben war bestimmt von Lügen, Betrügen, Anpassung, Stumpfsinn usw. David konnte sich kaum noch ertragen, war frustriert, verbittert, wütend, und wusste, dass sich etwas ändern musste. Nach einem Wiedersehen mit seinem Vater (er dachte, eine Konfrontation mit ihm wäre hilfreich) stellte er fest, dass es Zeit ist, sich von der Opferrolle zu verabschieden und sein Leben in die Hand zu nehmen. Um zur Aufnahmeprüfung zum Navy SEAL zugelassen zu werden, musste David abnehmen. Er trainierte „zehn Wochen lang 6-8 Stunden am Tag und nahm dabei nur zwei kleine Mahlzeiten (34)“ zu sich. Innerhalb weniger Monate nahm er etwa 50 kg ab.
„Alles war möglich, wenn ich nur mein Denken neu ausrichtete. Ich musste zu jemandem werden, der sich weigerte, aufzugeben, der ganz einfach einen Weg findet, egal was passiert.“
Goggins, Never Finished, 30
In diesem Prozess wurde David klar, dass er bisher seinem gewalttätigen Vater die Macht über sich gegeben hatte. Jetzt war es Zeit, diese Macht wieder an sich zu reißen. Seine Mission lautete ab da, sich auf die Dinge zu fokussieren, die ihn schnell voranbringen. Bei der Verarbeitung seines Traumas wurde ihm klar, dass er seine eigene Wahrheit „voll und ganz akzeptieren – einschließlich aller Fehler, Unvollkommenheiten und Fehltritte – (42)“ müsse, damit sich der Möglichkeitenhorizont erweitert und sich Erlösung einstellt. Das Abwerfen von Altlasten ist erforderlich, um sein wahres Potenzial zu erkennen.
„Man darf keine Angst davor haben, Menschen zu enttäuschen. Man muss das Leben leben, dass man leben möchte. Manchmal bedeutet das, dieses eine Arschloch zu sein, dass jedem im Raum den Stinkefinger zeigt und sich kein bisschen dafür schämt.“
Goggins, Never Finished, 46
Auf dem Weg zu seinem Ziel, ein besserer Mensch zu werden sowie die größtmögliche Resilienz zu erreichen, entschied sich David, aus allem einen Nutzen zu ziehen. Ganz besonders aus potenziell schädlichen Emotionen wie Angst oder Hass. Er ist der Meinung, dass auch diese Gefühle nutzbar gemacht werden können. Für ihn war es ein Befreiungsschlag, über seine finsteren Erlebnisse zu sprechen. Einige davon hat er in seinem ersten Buch (Can’t Hurt Me), das er selbst finanziert und im Eigenverlag herausgebracht hat, obwohl viele renommierte Verlagsagenten ihm einen Misserfolg voraussagten, verarbeitet. Goggins hörte nicht auf sie und landete einen Bestseller. Je öfter er über seine Vergangenheit schonungslos erzählte, desto weniger Einfluss hatte diese auf sein Leben. Das war seine Art, das Trauma der Kindheit zu verarbeiten.
„Wie wir in Momenten des Zweifels zu uns selbst sprechen, ist von entscheidender Bedeutung – unabhängig davon, wie viel auf dem Spiel steht. Denn unsere Worte werden zu Taten und unsere Taten zu Gewohnheiten, die Geist und Körper mit einem Belag aus Ambivalenz, Zögerlichkeit und Passivität überziehen, wodurch wir uns von unserem eigenen Leben entfremden.“
Goggins, Never Finished, 60 f.
2. Den Geist trainieren
Laut Goggins ist der innere Dialog, den wir täglich mit uns selbst führen, entscheidend dafür, wie wir den Widrigkeiten des Lebens begegnen. Um sich ungefiltert damit zu konfrontieren, nahm sich David jeden Tag selbst auf und hörte sich seine Selbstgespräche an. Anfangs sah auch er sich mit Gejammer konfrontiert. Doch je mehr er sich darin übte, seine Selbstgespräche zu verbessern, desto respektvoller und positiver wurden die inneren Dialoge. Um seinen Geist zu trainieren, empfiehlt Goggins sich vorzustellen, dass man einen Freund oder einen geliebten Menschen motivieren möchte, der gerade mit Problemen zu kämpfen hat. „Seien Sie respektvoll gegenüber den Problemen, mit denen er oder sie konfrontiert ist, aber geben sie sich auch positiv, energisch und realistisch. Dies ist ein Skill, der Übung durch Wiederholung erfordert, und wenn Sie ihn regelmäßig anwenden, werden Sie feststellen, dass der Grundton Ihrer Selbstgespräche schon bald von Optimismus und Selbstvertrauen statt von Zweifel und Angst durchzogen ist. (61)“
„Mentale Stärke und Resilienz schwinden, wenn wir sie nicht regelmäßig einsetzen. Ich sage es ständig: Entweder verbessert man sich oder man verschlechtert sich. Man bleibt nicht dieselbe Person.“
Goggins, Never Finished, 73 f.
Die Geisteshaltung eines Siegers entwickelt man Goggins zufolge nur, wenn man sich auch mit negativen Gefühlen, insbesondere auch von außen, konfrontiert und daraus seine Energie schöpft. Ein Sieger trainiert seinen Geist darauf, aus allem, was er erlebt, Energie zu ziehen. Ob Mobbing, Herzschmerz, Niederlagen oder Misserfolge – all das stärkt die eigene Resilienz.
„Was einen wahren Wilden von allen anderen Menschen unterscheidet, ist die Fähigkeit, im Bruchteil einer Sekunde die Kontrolle über den eigenen Geist zurückzugewinnen – ungeachtet der Tatsache, dass die Lage immer noch komplett abgefuckt ist!“
Goggins, Never Finished, 86
Bei seiner täglichen Arbeit an sich selbst stellte Goggins fest, dass der Geist für oder auch gegen uns arbeiten kann. Dabei „fällt er unseren ungebändigten Emotionen zum Opfer“ (66). Deshalb ist es umso wichtiger, seinen Geist zu trainieren. Die meisten Probleme sind nämlich geistiger und nicht körperlicher Natur.
„Wenn Sie das Gefühl haben, nicht zu genügen, wenn Ihr Leben keinen Sinn hat und Ihnen die Zeit durch die Finger rinnt, gibt es nur eine Option. Erschaffen Sie sich […] neu.“
Goggins, Never Finished, 68
3. Fazit
In seinem Buch „Never Finished. Überwinde dich selbst und werde außergewöhnlich“ setzt sich David Goggins das Ziel, ein besserer Mensch zu werden und dabei „der härteste Mistkerl zu werden, der jemals das Licht der Welt erblickt hatte!“ Bei Betrachtung seiner Biografie, seiner Leistungen und seiner unglaublichen Resilienz komme ich als außenstehende Person zu dem Fazit, dass er sein Ziel erreicht hat. Für mich ist David Goggins definitiv jemand, der seinen Worten Taten hat folgen lassen. Auch ist er ein Paradebeispiel für jemanden, der sich von seinen traumatischen Erfahrungen nicht hat kleinkriegen lassen. Und auch, wenn er 24 Jahre gebraucht hat, um sich neu zu erfinden, so nahm er doch sein Leben in die Hand und machte das Beste daraus. Also schließe ich diesen Blogbeitrag mit seinen Worten, denn er bringt es auf den Punkt. Egal wie die äußeren Umstände unseres Lebens aussehen mögen, wir entscheiden darüber, wie wir damit umgehen und was wir daraus machen.
„Haben Sie den Mut und die mentale Ausdauer, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um die Mauern Ihres Gefängnisses niederzureißen. Sie sind der Wächter Ihres Lebens. Vergessen Sie nicht, dass Sie die Schlüssel in der Hand haben.“
Goggins, Never Finished, 118



