Auf das Werk von Dr. William J. Reilly bin ich dank einer kurzen Erwähnung von Robert Wringham aufmerksam geworden. Mit dem reißerischen Titel „Wie man Arbeit vermeidet“ (die Originalausgabe von 1949 trägt den Titel: „How to avoid Work“) behandelt die deutsche Ausgabe von 1954 den Weg von der Arbeit zur Berufung. Im Vorwort formuliert der Autor das Ziel seiner Abhandlung:
„Wer seine Tätigkeit nicht als Arbeit, sondern als Vergnügen empfindet, kann all seine Energien, Fähigkeiten und Interessen in jenem Beruf entfalten, der zugleich seine Berufung ist.“
Für den einen ist eine Tätigkeit, die er gegen Geld tauscht, erfüllend, während der Besuch bei der Verwandtschaft reine Arbeit ist. Für den anderen gilt womöglich das Gegenteil. Jeder Mensch ist anders und hat andere Bedürfnisse. Das gilt auch für den Beruf. Laut Reilly hilft bereits die einfache Frage, ob jemand seine Tätigkeit als Last oder als Vergnügen empfindet, als wichtiger Hinweisgeber. Die Antwort macht deutlich, ob der gewählte Beruf den eigenen Werten, Talenten und Fähigkeiten entspricht. Wer seine Arbeit als Last empfindet, sollte dringend darüber nachdenken, diesen Sachverhalt zu ändern.
„Das Leben ist kurz und dementsprechend kostbar. Vergeuden Sie es nicht an ‚Arbeit‘.“ William J. Reilly, Wege aus der Arbeit, 12
1. Die wichtigste Frage zuerst: Was willst Du machen?
Wer seine Arbeit als Belastung empfindet und ihr weder Freude noch Sinn abgewinnen kann, beschreitet den Weg in die Unzufriedenheit. Wer seine Arbeit nur aus wirtschaftlicher Notwendigkeit ausübt, riskiert auf lange Sicht ebenfalls unglücklich zu werden. Um diesem Zustand entgegenzuwirken, empfiehlt Reilly eine Stunde täglich allein zu verbringen, um folgenden Fragen nachzugehen:
- Was war meine Lieblingsbeschäftigung in der Kindheit?
- Was waren waren meine Lieblingsfächer in der Schule?
- Habe ich etwas erfunden, gebaut oder geschrieben, das mir besonders gut gefiel?
- Was will ich machen?
- Welche Stellen habe ich schon bekleidet?
- Welche Pflichten im Rahmen dieser Tätigkeit haben mir besonders gut gefallen?
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen in der Stille der Einsamkeit führt früher oder später zu wichtigen Erkenntnissen. Diese helfen, das gewünschte Tätigkeitsfeld einzugrenzen. Als nächsten Schritt empfiehlt der Autor mit Persönlichkeiten in Verbindung zu treten, die auf dem gewählten Gebiet tätig sind. Der Austausch mit anderen hilft herauszufinden, unter welchen Bedingungen die Tätigkeit ausgeführt wird, welche Fähigkeiten dafür benötigt werden, wie lange die Einarbeitungsphase dauert und auch wie die monetäre Entlohnung aussieht.
2. Decken sich Deine Wünsche mit Deinen Fähigkeiten?
Wer Vertrauen in seine Fähigkeiten besitzt, wird viel erreichen. Doch nicht immer decken sich die eigenen Fähigkeiten mit den eigenen Wünschen. Um herauszufinden, ob Du für Deine Wunschtätigkeit die notwendigen Fähigkeiten besitzt, gibt Reilly vier Gruppen zur Orientierung vor (S. 28):
- Schöpferische Tätigkeit: erfinden, entdecken, neue Ideen entwickeln.
- Verwaltungsarbeit: Planung und Kontrolle eines Unternehmens oder Projektes in seiner Gesamtheit.
- Exekutive: die Arbeit anderer bereits existierenden Plänen anpassen.
- Routine: eine von anderen gelenkte, gleichbleibende Tätigkeit ausüben, die keine Verantwortung für die Tätigkeit dritter mit sich bringt.
Diese vier grundlegenden Arbeitsrichtungen decken natürlich nicht alle Tätigkeitsfelder ab. Das Ziel der Orientierung ist, sich vor Selbsttäuschungen zu schützen und genau hinzusehen, welche Begabung überwiegt. Auch das Arbeitstempo spielt eine Rolle. Einige Berufe verlangen nach Schnelligkeit und erfordern eine gewisse Resilienz gegenüber Zeitdruck. Dafür ist nicht jeder geeignet. Abgesehen davon gibt es Menschen, die am liebsten allein arbeiten, während andere sich gerne in Gesellschaft befinden. Über all diese Punkte lohnt es sich nachzudenken, wenn Du Deine Arbeit gegen Deine Berufung tauschen möchtest.
3. Lass Dich nicht von Deinem Ziel abbringen
Wer herausgefunden hat, was er will, wird auf seinem Weg zum Ziel auf Hindernisse stoßen. Diese sind einerseits selbst gemacht und andererseits vom persönlichen Umfeld verursacht. Reilly erzählt aus seiner Praxis als Berufsberater, dass ihm im Laufe der Jahre viele Ausreden und Entschuldigungen entgegengeschlagen sind, warum jemand sein Leben nicht ändert, obwohl die Arbeit nicht den eigenen Neigungen entspricht:
- Keine Zeit
- Kein Geld
- Die Familie
Die Aufzählung zeigt, dass es seit den 50er-Jahren keine wirkliche Veränderung gegeben hat. Diese Ausreden dürften auch heute die beliebtesten sein. Der einzige Weg von der Arbeit zur Berufung ist und bleibt Handeln.
Im Laufe des Buches entkräftet Reilly die genannten Entschuldigungen. Wer sagt, er habe keine Zeit, verfolgt am besten sieben Tage lang jede Minute nach. Auch wenn aktuell vielleicht keine Möglichkeit besteht, die Arbeit gegen seine Berufung zu tauschen, so findet sich sicherlich eine einzige Stunde täglich, um diese mit einer geliebten Tätigkeit zu verbringen.
„Geld können Sie immer verdienen. Die Zeit ist unwiederbringlich dahin. Und was Sie vergeuden, bleibt auf ewig verloren.“ William J. Reilly, Wege aus der Arbeit, 44
Wer sagt, er habe kein Geld, stellt sich selbst ein Hindernis. Wenn es darum geht, etwas Persönliches hervorzubringen, ist Geld erst in zweiter Linie von Bedeutung. Die Biografien erfolgreicher Menschen zeigen nämlich, dass diese erst wohlhabend geworden sind, nachdem sie durch Dienstleistungen oder Produkte die Probleme anderer Menschen gelöst haben.
Kein Geld zu haben ist eine Chance. Sie gibt einem die Möglichkeit, für jemand anderen zu arbeiten, um sich Erfahrungen und Fachkenntnisse anzueignen. Wer während dieser Zeit Ersparnisse aufbaut, hat anschließend die Chance, seiner eigenen Berufung zu folgen. Wirkliches Glück entsteht, wenn jemand das Ziel erreicht, im angestrebten Beruf erfolgreich zu sein. Das Geld folgt auf den Erfolg.
Und die Familie? Ob Eltern, Partner oder Freunde, viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Wer den Wünschen und Launen anderer folgt, stürzt ins Unglück. Deshalb lautet die Empfehlung von Reilly, nur jenen Leuten Gehör zu schenken, die Dir helfen, Deine persönlichen Ziele zu erreichen. Keiner sagt, dass es leicht ist, den Mut für Veränderungen aufzubringen. Es nicht zu tun hindert Dich allerdings daran, Du selbst zu sein.
4. Mach den ersten Schritt – jetzt!
„Das Aufschieben wichtiger Dinge hat in der Geschichte mehr Unheil angerichtet, als jede andere menschliche Schwäche.“ William J. Reilly, Wege aus der Arbeit, 54
Du weißt was Du willst? Dann ist jetzt die Zeit zum Handeln. Der erste Schritt ist der schwierigste. Wenn er getan ist, wird es einfacher. Für eine bessere Orientierung hat Reilly drei relevante Fragen parat. Wer diese wahrheitsgetreu beantwortet, wird den Weg klar erkennen (S. 58):
- Welche Erfahrung besitze ich auf dem von mir gewählten Arbeitsgebiet?
- Welche Schulbildung?
- Für welche Arbeit eigne ich mich augenblicklich und welches Studienprogramm muss ich ausarbeiten, um meine Leistung meinen Wünschen anzupassen?
Die Beschäftigung mit diesen Fragen soll Dich davor schützen, unüberlegt in irgendetwas zu stürzen, sondern helfen nach Plan Schritt für Schritt vorzugehen. Das kann so aussehen, dass Du die Vor- und Nachteile Deiner Wunschtätigkeit zu Papier bringst. Anschließend könntest Du Dich nach einer Stelle umsehen, die eine Verbesserung zur aktuellen darstellt und den Weg zum Ziel ebnet. Bevor Deine Ideen voll entwickelt sind, behältst du diese am besten für Dich. Auf diese Weise hat Dein Umfeld keine Möglichkeit, Einfluss auf Dich zu nehmen. Erst wenn alles spruchreif ist, wird es Zeit, die Pläne anderen mitzuteilen. Der Weg raus aus der Arbeit und hin zur Berufung ist ein Abenteuer. Ein Abenteuer voller Aufregung, Freude und Glück. Also wozu noch warten? Mach den ersten Schritt – jetzt!




Sehr gründlich erläutert und ausdrucksstark!