Das Glück liegt im Sein und nicht im Haben

Wer hat sie nicht? Lebensträume. Und wie kann man diese erreichen? Darauf gibt der Autor Michael Mary eine Antwort. Als einer der bekanntesten deutschen Paar-, Individual- und Singleberater hat Mary nach eigenen Angaben fast 40 Bücher geschrieben und eines davon befasst sich mit dem Thema: „Wie Lebensträume wahr werden. Finde, was dich glücklich macht – egal, was die anderen dazu sagen.“ Die Ausgabe, auf die ich mich beziehe, ist aus dem Jahr 1996. Das Thema ist jedoch nach wie vor aktuell. Wer möchte schließlich nicht glücklich sein?

„Fast jeder, ja wahrscheinlich sogar jeder Mensch ist permanent damit beschäftigt, etwas zu erreichen. […] Es ist wahrscheinlich die Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben, die – bewusst oder unbewusst – uns alle bewegt und vorwärtstreibt. Doch wie können wir solch ein großes Ziel erreichen? Wie können wir ein Optimum an Glück, Zufriedenheit und Lebensqualität erleben?“

Mary, Lebensträume, 7

1. Zwischen Haben und Sein

In der Einleitung erläutert Mary, dass Menschen grundsätzlich in zwei verschiedenen Lebensbereichen nach Glück und Erfüllung suchen. Ein Bereich umfasst „die Welt der Symbole, die sich im gesellschaftlichen Mythos sammeln“ (8). Die Botschaft dieses Bereichs lautet: „Um ein erfülltes Leben zu führen, musst du etwas … haben.“

Der zweite Lebensbereich ist der individuelle Mythos mit der Botschaft: „um ein erfülltes Leben zu führen, muss ich … sein.“

Der Unterschied zwischen beiden Lebensbereichen wird bereits anhand der Definition des Autors deutlich: „Haben bedeutet ein Versprechen, eine Verheißung, einen Traum, den viele Menschen träumen. (8)“ Dieser Traum wird von außen an den Menschen herangetragen. „Sein bedeutet eine Sehnsucht, ein Verlangen, ein Begehren des einzelnen Menschen, seine Suche nach einem ganz bestimmten Lebenszustand, nach einer ganz bestimmten Lebensqualität. (8)“ Dieser Traum kommt von innen.

„Wir werden in einer Welt geboren, in der die Menschen um uns herum von früh bis spät, von morgens bis abends damit befasst sind, etwas zu schaffen, etwas zu besitzen oder etwas zu werden.“

Mary, Lebensträume, 11

Im gesellschaftlichen Mythos vom Haben dreht sich alles um die kollektive Überzeugung vom Wert der Dinge. Die Umwelt um uns herum lässt den Eindruck entstehen, dass alle Menschen diesen Traum haben und deshalb erscheint das Streben nach materiellen oder immateriellen Gütern so faszinierend. Konkret meint Mary damit das Streben nach Reichtum, Sammeln, Ruhm, Macht, Titel, Familie, Jugend und Gott. Dabei geht es immer um etwas, „dass man vorzeigen kann. Immer geht es um äußere Symbole. (16)“ 

Dahinter steht die Überzeugung, dass Glück sich automatisch einstellt, sobald wir nur eines der gesellschaftlich vorgelebten Ziele erreicht haben. Diese Sichtweise wird zudem insbesondere durch Filme, Bücher und andere Medien gestützt. Da wir innerhalb einer Gesellschaft leben, ist es nicht möglich, diesem Mythos zu entkommen oder ihn zu ignorieren. Er prägt das Leben von der Kindheit an und sagt, worauf es ankommt: „Sieh zu, dass du etwas erreichst! Schaffe etwas! Kauf dir ein großes Haus! Mach Karriere! Sei besser als andere! […] Tue etwas! Werde etwas! (17)“

Dieser kollektive Traum ist so mächtig, weil er ein Versprechen beinhaltet – so Mary – und dieses lautet: „Wenn du … erreicht hast, dann wirst du … glücklich sein! Dann bist du am Ziel deines Lebens angekommen. Dann hast du alles erreicht! (17)“ Wir werden also zu Jägern, die nach dem Glück in der äußeren Welt suchen und an ihre Symbole glauben, ohne diese zu hinterfragen.

„Im Unterschied zur Gemeinschaft träumt das Individuum nicht vom Haben, sondern vom Sein. […] Damit träumt er von einem bestimmten Lebensgefühl, einem durchgehenden Lebensempfinden oder einer besonderen Lebensqualität, von einer ganz bestimmten Art und Weise, dazusein, eben von einer Daseinsweise.“

Mary, Lebensträume, 19

Im individuellen Mythos eines Menschen geht es laut Mary um die Sehnsucht nach einer Daseinsweisen wie: Zufriedenheit, Geborgenheit, Sicherheit, Glück, Gesundheit, Liebe oder ähnliche Erfahrungen, denn instinktiv weiß das Individuum, dass es im Leben eben nicht um Dinge wie Häuser, Titel oder Rekorde geht. Von diesen Zuständen zu träumen, bedeutet, dass der Mensch noch nicht über dieses Lebens-/Glücksgefühl verfügt. Da der Traum aus dem Inneren eines Menschen kommt, ist er verborgen. Mary behauptet, dass die meisten Menschen ihren Lebenstraum gar nicht kennen oder nicht wissen, worum es auf einer tieferen Ebene geht. Das hängt damit zusammen, dass der Blick nach außen gerichtet ist und damit dem Bestreben nach den glitzernden Symbolen der Welt des Habens. Auch verbirgt sich der Lebenstraum oft im Bereich des Unbewussten, da der Mensch häufig die Konfrontation mit seinen wahren Sehnsüchten scheut. 

„Sehnsüchte erinnern uns daran, was wir nicht oder noch nicht haben und wo wir nicht oder noch nicht sind. Sie legen gewissermaßen den Finger auf eine innere Wunde und konfrontieren uns mit der Tatsache, unvollständig zu sein.“

Mary, Lebensträume, 21

Individuelle Sehnsüchte stehen – so der Autor – in Konflikt „mit dem Bild, dass wir selbst oder andere Menschen von uns haben. […] Das kommt daher, dass wir unsere Identität nicht selten aus dem beziehen, was wir vorzeigen können und besitzen, also zu einem großen Teil aus dem gesellschaftlichen Mythos des Habens, aus der Anerkennung und Bestätigung der anderen. Der individuelle Mythos bezieht sich aber auf das Selbst.“ 

Das bedeutet im Umkehrschluss, wahres Glück und Lebensfreude findet der Mensch in seinen Träumen und Sehnsüchten und nicht in der Außenwelt. Wer seinen Fokus beispielsweise auf die Anerkennung anderer legt und damit in einer ständigen Abhängigkeit steht, wird den Schlüssel zum wahren Glück nicht in die Hände bekommen. Die wahren Sehnsüchte offenbaren sich nämlich von innen. Sie äußern sich auf eine verschlüsselte, bildhafte und träumerische Weise. Ihnen im Weg steht die jahrelange Konditionierung zusammen mit der Verheißung, eine ersehnte Lebensqualität zu erreichen, wenn man bloß etwas besitzt oder einen bestimmten Status/ein bestimmtes (äußeres) Lebensziel realisiert.

„In seinen Lebensplänen weiß der Mensch zwar nicht, was er sein will, aber er weiß ganz genau, was er haben will.“

Mary, Lebensträume, 24

Zusammenfassend stellt Michael Mary weiter fest: „Jedes unserer Ziele ist nichts weiter als ein Symbol. In unseren Träumen geht es primär nicht um die Dinge, von denen wir träumen, sondern um das, was wir uns von ihnen versprechen, um das, was sich in Symbolen verbirgt. (29)“ Das bedeutet, die Innenwelt und die Außenwelt sind untrennbar miteinander verbunden und beide existieren nur in Beziehung zueinander. Durch äußeres Erleben gibt es auch ein inneres Erleben. Es kommt auch vor, dass Dinge in der Außenwelt tatsächlich zu einem gewünschten Zustand führen. Hier verweist der Autor auf Beispiele wie ein neues Auto, das Zufriedenheit auslöst oder ein neues Haus, das ein ruhigeres Leben als vorher ermöglicht. Auch kann eine Weltreise das erhoffte Abenteuer bringen. Es gibt aber auch vielfach die entgegengesetzte Erfahrung.

„Man kann alles Mögliche haben, ohne etwas Entsprechendes zu sein. Man kann Millionen haben und doch unsicher sein. Man kann Ruhm haben und doch einsam sein. Man kann Familie haben und doch distanziert sein. Man kann Erfolg haben und auch unglücklich sein.“

Mary, Lebensträume, 30

Wie ist es dann möglich, den gewünschten Zustand zu erreichen, wenn die Symbole der Außenwelt den Menschen nicht automatisch zur Erfüllung seiner individuellen Wünsche führen und man stattdessen oft in den Zielen der Außenwelt verloren geht?

„Je weniger wir das sein können, was wir suchen, desto mehr wollen wir das haben, was scheinbar Glück verspricht.“

Mary, Lebensträume, 34

2. Der Weg zum individuellen Mythos

Laut Mary gibt es vier Schritte auf dem Weg zum individuellen Mythos:

  1. Sich ans Traumziel begeben
  2. Den Zieltraum benennen
  3. Sich einen neuen Namen geben
  4. Den individuellen Mythos benennen

Im Schritt eins geht es darum, zukünftige Geschehnisse in die Gegenwart zu verlagern und einfach davon zu träumen, wonach man sich sehnt. Wer beispielsweise schon länger ans Auswandern denkt, aber das Vorhaben noch nicht umgesetzt hat, stellt sich einfach vor, bereits an dem Ort angekommen zu sein und malt sich aus, wie sein Leben dort aussehen würde. Daraus lässt sich wiederum schlussfolgern, worin die wahren Sehnsüchte liegen. Möglicherweise geht es gar nicht um das Auswandern an sich, sondern um Gefühle, die sich dabei einstellen.

Im zweiten Schritt sucht man sich einen Titel aus für seine Traumgeschichte. Hier regt der Autor an, sich vorzustellen, dass das Traumziel ein Film wäre, um einen knackigen Titel dafür zu finden. Denn der „Zieltraum beschreibt eine bestimmte Art zu leben. Er ist eine Geschichte, in der ein Mensch und seine Lebensweise beschrieben werden. (44)“

Im dritten Schritt gibt man der Person, die am Ziel angelangt ist, einen Namen. In der Zukunftsgeschichte ist man nämlich nicht mehr derselbe Mensch, der man vor seiner Reise war. Dort hat eine Veränderung stattgefunden und deshalb geht es jetzt darum, die neue Person mit ihren Eigenschaften zu beschreiben. Auch geht es hier um die Fähigkeiten der Traumgestalt, zu der man wird. Hilfreich sind hier Fragen wie: „Was sind die speziellen Fähigkeiten des Menschen aus dem Zieltraum? Wodurch zeichnet er sich aus? Wer bin ich am Ziel? Der gewählte Name sollte diese Fähigkeiten treffend beschreiben. (45)“ Ein neuer Name wirkt identitätsstiftend.

Im vierten Schritt geht es um den inneren Zustand der Person, zu der man in seinem Traum geworden ist. Wie wäre der neue Daseinszustand zu benennen? Welche Erlebnisse stehen im Vordergrund? Welche Sehnsucht wird erfüllt?

Das, was sich nach diesen vier Schritten einstellt, ist eine veränderte Lebenshaltung. Sie zeigt eine alternative Möglichkeit an, in der Gegenwart in neuem Zustand zu leben, obwohl sich die äußere Welt nicht verändert hat. „Beispiele für Haltungen, die von Menschen gesucht werden, sind etwa Gelassenheit, Offenheit, Klarheit, Verbundenheit oder Selbstbewusstsein. Jede dieser Haltungen vermittelt gänzlich unterschiedliche Lebenserfahrungen. (49)“ Um den individuellen Mythos zu verwirklichen, ist es nötig, die Gegenwart zu verändern. Man nimmt das Leben in die Hand, versucht neue Wege zu gehen, macht neue Erfahrungen, erlebt Niederlagen und setzt sich weiter dafür ein, das Leben nach seinen inneren Vorstellungen zu formen.

„Das einzig wirkliche Versagen besteht darin, sich selbst, seine Träume und Ziele zu verlieren und ein Leben zu führen, das diese Bezeichnung kaum verdient, weil ihm die Lebendigkeit fehlt.“

Mary, Lebensträume, 118

3. Fazit

Auf dem Weg zum inneren Mythos geht es auch darum, zum Helden seiner eigenen Geschichte zu werden. Hier muss der Held verschiedene Herausforderungen bewältigen, um schließlich am Ziel anzukommen. Wie das genau aussieht, das kann man in der zweiten Hälfte des Buches bei Michael Mary nachlesen. Wer den Mut hat, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, wird am Ende belohnt werden. „Der Lohn sind Lebendigkeit und die Kraft in unserem Herzen. (136)“

Ich habe mich entschieden, dieses Buch hier vorzustellen, weil es das Streben nach Glück und Lebenszufriedenheit aus einer etwas anderen Perspektive beleuchtet, insbesondere auch psychologisch. Mary regt vor allem dazu an, sich mit seinen Träumen und Sehnsüchten zu beschäftigen und diese tiefer zu erforschen. Dass der Mensch sein Glück selten im Besitz von materiellen oder immateriellen Gütern findet, ist sicher keine neue Erkenntnis. Dass er seinen Zustand durch seine Träume transformieren kann, ist allerdings eine wichtige Anregung, auf dem Weg zur inneren Erfüllung.

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