Minimalismus ist ein Trendthema und doch ist es fast so alt wie die Menschheit. Das Konsumzeitalter ist nämlich eine neue Erfindung, die der Industrialisierung und dem zunehmenden Wohlstand der Gesellschaft zu verdanken ist. Ein bescheidenes Leben hingegen führten die meisten Menschen bis ins 19. Jahrhundert. Laut der statistischen Berechnung von Agenda Austria waren im Jahr 1820 noch 94 % der Bevölkerung von extremer Armut betroffen. Im Jahr 2016 waren es nur noch 10 %, 2019 8,4 % und die Prognose ins Jahr 2030 zeigt ebenfalls eine Abnahme der weltweiten Armut.
Mit der Zunahme von Wohlstand kam auch die Werbeindustrie auf sowie der Zugang zu vielen Dingen, die vorher für die durchschnittliche Bevölkerung unerschwinglich waren, wie beispielsweise ein Auto. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Anzahl persönlicher Gegenstände im eigenen Haushalt wächst. Konkrete statistische Zahlen gibt es dazu zwar nicht. Jedoch erfreut sich der Minimalismus in den letzten Jahren einer großen Beliebtheit und viele Menschen entscheiden sich dafür, ihren materiellen Besitz zu reduzieren. Zwei medial bekannte Minimalisten sind Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus alias The Minimalists. Ihre Geschichte haben sie mittlerweile in zwei Dokumentationen auf Netflix, mehrere Bücher und einen eigenen Blog verpackt. Heute möchte ich dir ein paar ihrer Ideen aus dem Buch „Love People, Use Things … weil das Gegenteil nicht funktioniert“ vorstellen.
„Unser materieller Besitz ist eine physische Manifestation unseres Innenlebens. Wir müssen uns nur einmal umsehen: Angst, Stress, innere Unruhe – all das ist in unseren Wohnungen und Häusern sichtbar.“
Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, Love People, Use Things, 17
1. Was ist Minimalismus?
Der Minimalismus gliedert sich in verschiedene Aspekte. Einer davon zielt darauf ab, materiellen Besitz zu reduzieren. Dies geschieht durch Entrümpeln, Aussortieren, Verschenken usw. Im Grunde geht es darum, Überflüssiges loszuwerden. Dies ist jedoch der erste Schritt auf dem Weg zur Zufriedenheit. „Denn das Problem ist nicht der Konsum an sich, sondern der gedankenlose Konsum. (57)“ Hat man sich von überflüssigen Dingen getrennt, entsteht „Raum für das richtige Mehr (58)“.
Das Ziel des Minimalismus ist ein bewusstes und lohnendes Leben, das den eigenen Überzeugungen entspricht und dort Prioritäten setzt, wo wir nachhaltig Zufriedenheit und Glück verspüren. Es geht um immaterielle Werte wie beispielsweise Beziehungen zu anderen, die das Leben schöner machen. Sofortige Befriedigung wird hingegen häufig mit Glück verwechselt. Tatsächlich sorgt diese aber langfristig für Unzufriedenheit.
„Ich würde allerdings behaupten, dass die Menschen nicht nach Glück suchen – sie sind vielmehr auf der Suche nach Freiheit. Und wahres Glück – das heißt dauerhaftes Wohlbefinden – ist eine Begleiterscheinung dieser Freiheit.“
Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, Love People, Use Things, 73
Auf dem Weg zur Veränderung helfen strategisch ein paar Regeln. Natürlich hat der Minimalismus kein striktes Konzept, das auf jeden passt. Die von den Autoren vorgestellten Regeln funktionieren für sie, für andere vielleicht nicht. Hier gilt wieder die Devise: Probieren geht über Studieren.
2. Minimalismusregeln für ein Leben mit weniger
Wer die eigene Komfortzone verlassen will, braucht regelmäßig Training und zwar im Loslassen. Ein paar Regeln helfen auf dem Weg.
- Die Kein-überflüssiges-Zeug-Regel
Bei dieser Regel schlagen die Autoren vor, alles, was man besitzt, auf drei Haufen zu verteilen. Diese werden im nächsten Schritt in Lebensnotwendiges, Nichtlebensnotwendiges, und überflüssigen Kram eingeteilt. Auf dem ersten Haufen sollten nur wenige Besitztümer landen, denn wirklich notwendig sind Unterkunft, Lebensmittel und etwas Kleidung sowie Besteck fürs Essen etc. Nichtlebensnotwendiges umfasst Objekte, die man gerne in seinem Leben behält, weil diese einen Mehrwert bieten. Dies könnte eine Couch, eine Tischlampe, ein Laptop oder etwas anderes sein. Überflüssig ist hingegen alles, was einem gefällt und gleichzeitig keinen Mehrwert kreiert. Das kann einfach weg.
- Die Nur-für-den-Fall-Regel
Bei dieser Regel schaut man auf Dinge, die nur für den Fall aufbewahrt werden. Diese sind nämlich oft nutzlos und sie auszusortieren, führt zu weniger Besitz. Ein paar Ausnahmen gibt es hierbei auch, diese fallen unter die Kategorie der Notfallsachen.
- Die Notfallsachen-Regel
Notfallsachen umfassen Dinge, die selten benötigt werden, jedoch im Notfall zum Einsatz kommen: Dies könnte ein Verbandskasten sein, ein Vorrat an Wasser, ein Starterkabel fürs Auto o.Ä. Bei dieser Regel geht es darum, wirklich relevante Notfallsachen auszuwählen und alle anderen loszuwerden.
- Die Dinge-für-später-Regel
Diese Regel schaut auf ausgewählte Dinge, die man für einen zukünftigen Gebrauch aufhebt. Dinge für später können Verbrauchsartikel sein für den täglichen Gebrauch wie Toilettenpapier, Zahnseide usw. Der Unterschied zwischen dieser Kategorie und der „nur für den Fall“ Kategorie ist, dass die Dinge für später auch tatsächlich in der Zukunft verbraucht werden.
3. Erst hinterfragen, dann kaufen
Wer bewusst konsumiert und nur das kauft, was er tatsächlich braucht, spart Geld. Und Geld ist ein kleines Stückchen der eigenen Freiheit. Statt es für Dinge zu verkonsumieren, die nur der kurzfristigen Befriedigung dienen, ist es besser, vor dem Kauf den Erwerb zu hinterfragen. Um diesen Prozess zu vereinfachen, haben die Minimalisten sechs Fragen formuliert:
- Für wen kaufe ich das?
- Bringt es meinem Leben einen Mehrwert?
- Kann ich es mir leisten?
- Ist dies die beste Verwendung für mein Geld?
- Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten?
- Würde die beste Version von mir selbst diesen Artikel kaufen?
Diese Fragen dienen als Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Sie geben auch eine Art Orientierung und lenken die Aufmerksamkeit von außen nach innen. Wenn weniger Ablenkungen existieren – ständiger Konsum stellt eine Art der Ablenkung dar – bleibt mehr Zeit und auch Energie, um sich mit sich selbst zu beschäftigen.
„Wenn wir die Ablenkung in unserem Umfeld beseitigen, sind wir in der Lage, nach innen zu schauen und den Prozess der geistigen, emotionalen, psychischen und spirituellen Entrümpelung in Angriff zu nehmen.“
Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, Love People, Use Things, 156
4. Minimalismus und das Selbst
Die Beschäftigung mit sich selbst ist nur möglich, wenn bestimmte Ressourcen zur Verfügung stehen. Diese sind unter anderem: Aufmerksamkeit, Energie und Konzentration. Sie sind notwendig, um den Alltag und die Geschehnisse wahrzunehmen und mehr zu schätzen. Das menschliche Gehirn kann nur eine gewisse Menge an Informationen auf einmal verarbeiten und wenn die Gedanken um andere Dinge kreisen, bleiben keine Ressourcen für den Moment übrig. Das Leben im Jetzt weicht Gedanken über die Vergangenheit oder Zukunft. „Aber das Leben ist lediglich eine Aneinanderreihung gegenwärtiger Momente und wenn wir den Moment verpassen, verpassen wir das Leben selbst. (156 f.)“ Dies geschieht laut den Autoren durch Dinge, wie E-Mails schreiben, Nachrichten posten, reagieren, browsen und ohne Technik durch grübeln, sich ärgern, etwas analysieren, sich stressen usw.
Dieses Verhalten hält uns davon ab, im Hier und Jetzt zu leben. Hinzu kommen die sogenannten „Feinde des Hierseins“: Langeweile, Zynismus und Verzweiflung. Auch diese hindern uns daran, im Moment zu leben. Doch genau das ist notwendig, „um die Schönheit des Jetzt wertzuschätzen. (162)“
Die Kostbarkeit des Moments erreichen wir unter anderem durch die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit. Unsere Vergänglichkeit ist eine Tatsache. Gespräche über den Tod helfen zu erkennen, was wirklich wichtig ist und wofür wir unserer Zeit besser einsetzen. Der Minimalismus ist auch hier ein Wegweiser, insbesondere im Hinblick auf die eigenen Gewohnheiten. Schlechte Gewohnheiten und schlechte Entscheidungen führen zu Konsequenzen. So empfehlen die Autoren in der Auseinandersetzung mit dem Selbst insbesondere Gewohnheiten bei Ernährung, Bewegung, Schlaf und Eigenverantwortung zu überprüfen und sich auch da im Loslassen zu üben.
„Der Minimalismus macht zunehmende Veränderungen erforderlich, die im Laufe der Zeit eintreten. Sie beginnen bei unserer Beziehung zu den Dingen – also bei dem, woran wir uns festklammern und was wir konsumieren – und weiten sich dann […] aus (auf die Beziehung zur Wahrheit, zum Selbst, zu Werten, zum Geld, zur Kreativität und zu Menschen).“
Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, Love People, Use Things, 184
5. Minimalismus und Geld
Die Beziehung zu Geld ist geprägt von verschiedenen Faktoren. Sie kann gesund oder ungesund sein. Sind die Faktoren von negativer Natur, führt das zu finanziellem Missmanagement. Diese Erfahrung machten auch die Autoren durch. Sie lebten über ihre Verhältnisse und konsumierten mehr als sie verdienten.
Die finanzielle Dysfunktion entsteht durch unbedachte Entscheidungen. Diese summieren sich im Laufe der Zeit zu einem Berg von Schulden. Im Hintergrund steht oft der Wunsch, erfolgreich zu wirken, weil die Vorstellungen von Erfolg sich an der Gesellschaft orientieren und nicht an einem selbst. Es herrscht häufig ein Mangel an Selbstwertgefühl, denn erfolgreiche Menschen brauchen keine Dinge, um sich erfolgreich zu fühlen.
„Schulden berauben uns unserer Freiheit, unserer Sicherheit, unserer Identität.“
Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, Love People, Use Things, 247
Wer Schulden anhäuft – ob durch Jobverlust, Kredite, steigende Lebenshaltungskosten oder andere Gründe – muss die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Dies ist der erste Schritt auf dem Weg zur Schuldenfreiheit. Um schuldenfrei zu werden, geht man am besten Schritt für Schritt vor:
Zuerst empfehlen die Autoren, eine finanzielle Reserve für Notfälle anzusparen. Im nächsten Schritt geht es darum, alle Schulden abzuzahlen (mit Ausnahme einer Kreditrate für die eigene Immobilie). Danach steigert man die Ersparnisse auf 3-6 Monate. Im nächsten Schritt folgen Investitionen von mindestens 15 % in die Altersvorsorge sowie regelmäßige Sparraten für Kinder und deren Bildung (insofern vorhanden). Wer eine eigene Immobilie abbezahlt, sollte dies möglichst schnell tun. Der letzte Schritt besteht darin, einen Teil vom aufgebauten Wohlstand an die Gesellschaft zurückzugeben.
„Wahrer Wohlstand, wahre Sicherheit und Zufriedenheit entstehen nicht durch den ganzen Krempel, den wir anhäufen. Sie basieren vielmehr darauf, wie wir das eine Leben verbringen, das uns geschenkt wurde.“
Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, Love People, Use Things, 249
Die Beziehung zwischen Minimalismus und Geld verfolgt das Ziel, unsere begrenzten Ressourcen bewusst einzusetzen. Es ist besser, Geld zu besitzen als Geldprobleme zu haben – keine Frage. Wer jedoch in seiner Vergangenheit ein finanzielles Missmanagement betrieben hat, ist nicht hoffnungslos, sondern hat die Chance, jederzeit seine Situation zu ändern.
6. Fazit
Minimalismus ist viel mehr als nur das Entrümpeln und Loslassen von Gegenständen. Die beiden Autoren zeigen in ihrem Buch „Love People, Use Things … weil das Gegenteil nicht funktioniert“ auf, wie mehr Raum für ein sinnstiftendes Leben entsteht.
Dabei untersuchen Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus unsere Beziehung zu Dingen, zur Wahrheit, zum Selbst, zu Werten, zu Geld, zur Kreativität und zu andere Menschen. Im Grunde handelt es sich um eine Art Anleitung, die sich im Alltag Schritt für Schritt umsetzen lässt.
Wenn ich mich bei mir zu Hause umschaue, so werde ich bestimmt keine Minimalistin im Hinblick auf die Anzahl der Gegenstände, die sich in meinem Haushalt befinden. Auch mag ich keine kargen Räume, da ich mich in ihnen nicht behaglich fühle. Jedoch finde ich es heilsam und befriedigend, mindestens zweimal im Jahr alles durchzugehen und bei Bedarf zu entrümpeln. Das, was wegkann, wird entweder verschenkt, verkauft, gespendet oder entsorgt. Das Gefühl, Dinge loszulassen, die ich nicht mehr brauche, ist eins der Erleichterung. So mache ich das auch bei zwischenmenschlichen Beziehungen oder inneren Glaubenssätzen. Auch hier überprüfe ich regelmäßig, ob diese noch sinnstiftend sind.
Und wie steht es um Dich? Würdest Du Dich als Minimalist bezeichnen? Gefällt Dir ein minimalistischer Lebensstil und wie wendest Du diesen in Deinem Alltag an?



