Mehr Leicht-Sinn mit Minimalismus?

Minimalismus ist ein Werkzeug für einen Lebensstil, der für weniger Konsum und mehr innere Fülle steht. Warum das so ist und wie sich auch in Deinem Leben mehr Leichtigkeit einstellen kann, erklären die Autoren Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus (alias The Minimalists) in ihrem ersten Buch: „Minimalismus – der neue Leicht-Sinn –.“ Auf ihr Folgewerk „Love People, Use Things … weil das Gegenteil nicht funktioniert“ bin ich bereits an anderer Stelle eingegangen. Heute geht es um grundlegende Gedanken zum Konzept des Minimalismus. An dieser Stelle verweise ich auf die Dokumentation über die zwei Autoren. 

Ein minimalistischer Lebensstil mag aus heutiger Sicht, insbesondere im Hinblick auf westliche Industrienationen für viele Menschen eine Entscheidung sein. Bei Betrachtung der aktuellen politischen Lage, damit meine ich die beschlossenen Milliarden an Sonderschulden und eine Rezession der Deutschen Wirtschaft, wird zukünftig bei vielen Menschen ein finanziell minimalistischer Lebensstil möglicherweise zu einer unfreiwilligen Entscheidung werden. Denn anhaltende Inflation und weniger Wohlstand für alle wird damit sichergestellt. Wer den wirtschaftlichen Kreislauf nicht versteht, fordert mehr Staat, mehr Subventionen und mehr Umverteilung. Welche Konsequenzen das hat, haben über die Geschichte die Beispiele Sowjetunion, China, Nordkorea usw. aufgezeigt. 

Wer wie ich in einem anderen Land geboren wurde, erhält gezwungenermaßen das Geburtsrecht, ein Minimalist (und Frugalist) zu sein von Anfang an. In der ehemaligen Sowjetunion betraf das nach meiner Schätzung 99 % der Bevölkerung. So war es ganz normal, keine neuen Kleider zu besitzen, sondern Kleidung von anderen (heute würden wir Secondhand sagen) oder selbst genähte/selbst gestrickte Kleidungsstücke zu tragen. Es gab kein Spielzeug, kein Kinderzimmer, kein fließend Wasser, kein fließend Strom (trotz vorhandenem Anschluss wurde das einfach seitens der Regierung unterbrochen und sogar, wenn man den Luxus einer Waschmaschine hatte, konnte man diese nicht benutzen, da nicht klar war, wann das nächste Mal der Strom ausfällt oder das Wasser abgestellt wird), dafür kuschelte man mit der Verwandtschaft auch mal zu fünft in einer Zweizimmerwohnung. Wer also noch sozialistischen und kommunistischen Ideen ruft, dem empfehle ich ein paar Monate in einem solchen Land zu verbringen! Meine Eltern hatten nach dem Zerfall der Sowjetunion den Mut, in ein fremdes Land auszuwandern und sie haben sich für Deutschland entschieden, weil es hier ein kapitalistisches System gab, denn in diesem konnte jeder durch Leistung und Fleiß Wohlstand aufbauen. Ob das so bleibt, ist bei der aktuellen politischen Lage aus meiner Sicht durchaus infrage zu stellen.

Doch freuen wir uns darüber, dass wir aktuell noch Entscheidungen darüber fällen können, wie wir leben und gehen der Frage nach, ob ein minimalistischer Lebensstil unserem Leben mehr Sinn verleiht.

„All die materiellen Dinge, mit denen wir uns umgeben, werden uns nicht glücklich machen. Das wissen wir alle – und dennoch suchen wir nach einem Sinn im Leben, in dem wir immer mehr Dinge anhäufen. Doch echtes Glück entsteht aus uns heraus – aus der Person, zu der wir uns entwickelt haben.“

Millburn und Nicodemus, Minimalismus, 10

1. Gründe für Minimalismus

Gleich zu Beginn des Buches stellen die Autoren eine relevante These auf: „Wenn unser kurzfristiges Handeln mit unseren langfristigen Werten übereinstimmt, finden wir in allem, was wir tun, einen Sinn. Paradoxerweise führt diese Art von bewusstem Leben zu wahrem Glück. (11)“ Das Ziel eines erfüllten Lebens ist folglich eine dauerhafte Zufriedenheit und diese haben Joshua und Ryan mithilfe eines minimalistischen Lebensstils erreicht. 

Auf ihrer Reise dorthin haben sie dafür ihre Unzufriedenheit aufgespürt und bereits in der Kindheit die Ursachen gefunden. Dazu gehören insbesondere der ständige Wunsch nach mehr (mehr Essen, mehr Lob, mehr Geld, mehr Wohnraum, mehr Kleidung usw.) sowie das Erzeugen von künstlicher Zufriedenheit durch Konsum und Bestätigung von außen. Beide hatten gute Jobs, Führungspositionen, verdienten viel Geld und waren angespannt, gestresst, überfordert und depressiv. Hinzu kamen Schulden sowie finanzielle und emotionale Abhängigkeit. Klingt nicht wirklich nach einem glücklichen Leben oder?

„Unsere Zeit auf dieser Erde ist endlich. Man kann sie mit dem Anhäufen von Geld oder auf sinnvolle Weise verbringen, wobei das letztere das erste nicht ausschließen muss. Doch das unablässige Streben nach Reichtum bringt kein sinnvolles Leben.“

Millburn und Nicodemus, Minimalismus, 21

Nach der Bestandsaufnahme entschlossen sich die Autoren herauszufinden, wie sie ihr Leben ändern können, um mehr Glück, Leidenschaft und Freiheit zu erfahren. Zu diesem Zweck suchten sie nach ihren Ankern, also Dingen/Gewohnheiten, die sie von einem erfüllten Leben abhielten. Das waren: „Große Häuser, größere Gehälter, materieller Besitz und Unternehmensauszeichnungen. (22)“ Im nächsten Schritt ermittelten Joshua und Ryan ihre Prioritäten und fragten sich, was sie davon abhielt, sich frei zu fühlen. Hierzu zählten unter anderem hohe Hypotheken, ungesunde Beziehungen, Autoraten und all das, was viel Zeit kostet, aber keine Zufriedenheit bringt. Und dann trafen sie 2009 auf ihrem Weg auf einen Minimalisten, der ihre Sicht auf die Dinge veränderte.

„Minimalismus ist ein Werkzeug, das uns hilft, ein sinnerfülltes Leben zu leben. Es gibt keine Regeln. Beim Minimalismus geht es vielmehr darum, sich von unnötigen Dingen im Leben zu befreien, um sich auf das wirklich Wichtige konzentrieren zu können.“

Millburn und Nicodemus, Minimalismus, 33

2. Minimalismus als Werkzeug

Bei ihrer Definition des Minimalismus stellen die Autoren fest, dass dieser Lebensstil ein Werkzeug ist, um ein Leben in Freiheit zu führen, konkret einer Freiheit „ohne Angst, ohne Sorgen, ohne Überforderung, ohne Schuldgefühl, ohne Depression, ohne Versklavung“ (32). Die bewusste Trennung von allem Überflüssigen und der Fokus darauf, was einem im Leben wirklich wichtig ist, das bringt der Minimalismus hervor. Eine Reduktion auf das Wesentliche. Dabei sind die ersten Schritte die schwierigsten, denn diese „erfordern oftmals radikale Änderungen im Denken, Handeln und in den Gewohnheiten. (33)“

Zu einem sinnerfüllten Leben gehören den Autoren zufolge fünf Werte:

  1. Gesundheit
  2. Beziehungen
  3. Leidenschaften
  4. Weiterentwicklung
  5. Soziales Engagement

Um diese Werte in ihrem Leben zu erreichen, haben die Autoren über Monate hinweg die genannten Anker aus ihrem Leben entfernt und alle unnötigen Dinge ebenso. Der erste Schritt war der Verzicht auf viele materielle Güter auf dem Weg zu einem sinnerfüllten Leben.

3. Karriere und Geld aus Sicht des Minimalismus

Die Themen Karriere und Geld besprechen Joshua und Ryan im Kapitel über Leidenschaften. Dabei machen sie einige Beobachtungen:

„Karrieren sind gefährlich, weil die meisten Menschen so viel von sich selbst in diese Karriere investieren, dass sie sich eine Identität und einen sozialen Status schaffen, der auf nicht mehr als ihrer Berufsbezeichnung basiert.“

Millburn und Nicodemus, Minimalismus, 95

Dieses Phänomen beobachte ich seit Jahren. Beim Aufeinandertreffen auf fremde Personen wird die Frage danach, wer das ist, oft mit einer Berufsbezeichnung beantwortet. In etwa so: Herr/Frau XY ist Rechtsanwalt, Arzt, Fachinformatiker etc. Was man beruflich macht, definiert jedoch nicht, wer man ist. Hier vermischen sich Status und Identität auf eine ungesunde Weise.

Warum stempeln die Autoren eine Karriere als Gefahr ab? Die Antwort lautet: Für wen die tägliche Arbeit bloß ein Job ist, um Geld zu verdienen, wird Schwierigkeiten haben, sich in der Arbeitszeit erfüllt zu fühlen. Hiervon nicht betroffen sind Menschen, die ihre Berufung gefunden haben. Wer allerdings daran hart arbeitet, bewusst Karriere zu machen, in einem Job, der die Kriterien einer Berufung nicht erfüllt, dem bleibt nur wenig Lebenszeit, um sich zu fragen, was ein sinnerfülltes Leben überhaupt ist. 

Geld ist in diesem Zusammenhang ebenfalls ein Anker, denn: „Es ist in der Regel der häufigste Grund, weiterhin das zu tun, was man eigentlich hasst. (110)“ Die Kontrolle über die eigenen Finanzen entsteht jedoch nicht durch eine Karriere und höhere Gehälter, sondern durch „die richtigen Entscheidungen bezüglich der Ressourcen (110)“, die man hat. Wer ein sechsstelliges Jahresgehalt verdient und hohe Schulden aufgrund von Hypotheken, Autoraten, teuren Urlauben, Konsumartikeln oder weiteren Verpflichtungen hat, bleibt unfrei. Da ist es auch egal, wie viel man verdient. Die Kontrolle über die eigenen Finanzen lässt sich dennoch erlangen. Dabei empfehlen die Autoren fünf Schritte:

  1. Budgets festlegen
  2. Zahlungen an sich selbst (Investieren)
  3. Schuldenfreiheit
  4. Minimieren
  5. Soziales Engagement

Diese Schritte führen langfristig zum Erfolg,  denn: „Es geht nämlich nicht um die Höhe des Einkommens, sondern um die Entscheidungen, die wir mit den Mitteln treffen, die uns zur Verfügung stehen. (118)“ 

4. Fazit

Minimalismus als Werkzeug für mehr Leicht-Sinn? Kann das funktionieren? Hierzu ein klares Ja. Die beiden Autoren liefern mit ihrem Buch „Minimalismus – der neue Leicht-Sinn –“ viele sinnvolle und praktikable Anregungen. Ob eine minimalistische Lebensart zu einem passt, ist subjektiv. Grundsätzlich gilt: Wer ein Ziel hat, findet auch einen Weg. Minimalismus kann ein möglicher Weg zu einem sinnerfüllten Leben sein und mehr Leicht-Sinn bewirken, doch leicht wird dieser Weg sicher nicht. Ganz ohne Herausforderung wäre das Leben auch langweilig. 😉

Und wie steht es um Dich? Lebst Du schon ein minimalistisches Leben und wenn ja, in welcher Weise? Kennst Du das Buch bereits? Konntest Du einige Anregungen gewinnen oder sogar umsetzen? Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

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