Workation: Realitätsscheck

Nach dem kurzen Aufenthalt in Singapur habe ich mich auf eine längere Reise nach Australien aufgemacht und dort fünf Wochen auf meiner ersten längeren Workation verbracht. Das Konzept des digitalen Nomadendaseins lebe ich bereits seit fast anderthalb Jahren und auch davor habe ich mehrere Jahre ausschließlich im Home Office gearbeitet, da meine beruflichen Tätigkeiten das erlauben. Im heutigen Beitrag möchte ich mich mit den Vor- und Nachteilen einer mehrwöchigen Workation auseinandersetzen und auch darauf eingehen, für wen sich dieses Konzept aus meiner Sicht eignet.

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht gezwungen ist, das zu tun, was er nicht will.“

Jean-Jacques Rousseau

1. Gründe für Workation

Meine ersten Berührungspunkte mit der Idee eines digitalen Nomadenlebens ergab sich in Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit der Börse und dem F.I.R.E.-Konzept (Financial Independence, Retire Early). Insbesondere unter denjenigen, die die finanzielle Freiheit schon erreicht haben, finden sich viele Autoren und Blogger sowie kreative Menschen insgesamt. 

Von überall arbeiten, das habe ich jedoch bereits in meinem Studium in Bonn von 2008-2010 praktiziert. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich im Verlag für die Deutsche Wirtschaft als studentische Hilfskraft gearbeitet und die Semesterferien (durchgehend 2-3 Monate im Winter und Sommer) in Saarbrücken verbracht. Da ich damals Newsletter geschrieben, Recherchen getätigt und Kunden E-Mails verschickt habe, konnte ich das unabhängig vom Aufenthaltsort machen.

Die Begeisterung fürs Reisen kam bei mir eher etwas später im Studium auf, als ich mich für die Promotion entschieden habe. Wissenschaftliches Arbeiten erfordert nämlich sowohl den Austausch mit Kollegen aus aller Welt als auch das Vorstellen der eigenen Arbeit auf Konferenzen und auch Forschungsaufenthalte (ich war 6 Wochen in Cambridge). 

Ein weiterer ausschlaggebender Punkt für längere Aufenthalte im Ausland ist natürlich das Wetter. Ich möchte langfristig gesehen den überwiegenden Teil des Winters nicht mehr in Deutschland verbringen. 

Darüber hinaus ermöglicht der Austausch mit Einheimischen vor Ort die Verbesserung der eigenen Sprachkenntnisse. Auch bekommt man durch die Distanz zum Heimatland einen anderen Blickwinkel auf die Situation zu Hause.

Wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe: Reisen bilden! Aus der eigenen Komfortzone auszubrechen, seine Fähigkeiten unter anderen Bedingungen unter Beweis zu stellen, bringt persönlichen Wachstum hervor.

Das wichtigste Argument ist für mich natürlich die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Dieses Thema ist auf diesem Blog stets präsent und als freigeistige und freiheitsliebende Person ist das für mich ein großes Anliegen. 

„Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“

Rosa Luxemburg

2. Meine Eindrücke

In den letzten fast anderthalb Jahren war ich unter anderem auf Workation an der Mosel (Ferienwohnung), am Bodensee (Ferienwohnung), auf den Kapverden (Hotel) und auf Teneriffa (Ferienwohnung). Der längste Aufenthalt betrug zweieinhalb Wochen. Fünf Wochen in Melbourne war bisher der längste Zeitraum. Für die Reise nach Tasmanien habe ich mir fünf Tage Urlaub genehmigt. 🙂

Bevor ich nun auf die wichtigsten Vor-und Nachteile eingehe, möchte ich auf die Voraussetzungen einer Workation zu sprechen kommen:

  • Reiselust
  • Disziplin
  • Gutes Zeitgefühl und Organisationstalent
  • Geld
  • Sprache
  • Netzwerk
  • Flexible Arbeitszeiten/Projektarbeit/Freiberufliche Tätigkeit 
  • Neugier
  • Gewisse Anpassungsfähigkeit und Fitness

Dies sind meiner Ansicht nach die wichtigsten Voraussetzungen. Wer gerne in seiner Komfortzone bleibt, braucht natürlich nicht wegzufahren. 😉 Disziplin ist erforderlich, um sich nicht zu sehr von den Verlockungen vor Ort ablenken zu lassen und seinem Arbeitsvorhaben nachzukommen. 

Zusätzliches Geld neben dem Einkommen, das auf der Workation erwirtschaftet wird, ist sowohl für unvorhergesehene Ausgaben erforderlich als auch für die Lebenshaltungskosten vor Ort, insofern diese teurer sind als zu Hause. Australien ist mindestens 25 % teurer, sodass ich hier im Vorfeld Geld angespart habe, um überhaupt auf die Reise gehen zu können.

Sprachkenntnisse bedeuten Bewegungsfreiheit. Ein breites Netzwerk mit Kontakten vor Ort ermöglicht eine leichtere Integration sowie bessere Konditionen für beispielsweise das Finden einer Unterkunft. Mit gewisser Anpassungsfähigkeit meine ich, dass der Komfort, den beispielsweise ein heimisches Arbeitszimmer bietet, nicht überall verfügbar ist. Auch ist das Essen ggf. anders. Auf meiner Japanreise gab es im Hotel zum Frühstück gebratene Nudeln. Hinzu kommen je nach Reiseziel lange Flugzeiten, bürokratische Einreiseformalitäten, häufige Erkältungen wegen Klimaanlagen usw. Die gesundheitliche Konstitution ist bei der Entscheidung für eine Workation zu berücksichtigen.

„Die meisten Menschen wollen nicht wirklich Freiheit, denn zur Freiheit gehört auch Verantwortung – und davor fürchten sich die meisten Menschen.“

Sigmund Freud

3. Die Vor- und Nachteile einer Workation

Mögliche Vorteile:

  • Tapetenwechsel
  • Besseres Klima
  • Horizonterweiterung
  • Verbesserung der Sprachkenntnisse bzw. Lernen einer neuen Sprache
  • Verbesserung der eigenen Anpassungsfähigkeit
  • Inneres Wachstum
  • Neue Kontakte
  • Inspiration und Steigerung der Kreativität
  • Größere Wertschätzung und Dankbarkeit für das, was man hat
  • Stärkung der Selbstverantwortung und Selbstfürsorge

Mögliche Nachteile:

  • Kein ergonomischer Arbeitsplatz (gerade bei orthopädischen Beschwerden kann das Probleme verursachen)
  • Längere Abwesenheit von Zuhause 
  • Gefühl der Einsamkeit (eher was für Leute, die gerne alleine sind oder die leicht Anschluss finden)
  • Schlechte bzw. langsame Internetverbindung
  • Unterschiedliche Zeitzonen, dadurch zeitversetzte Kommunikation
  • Krankheit und medizinische Versorgung 

Die möglichen Vor- und Nachteile sind natürlich subjektiver Natur und davon abhängig, ob man alleine oder mit Partner/Familie auf Workation geht, ob man innerhalb der EU oder außerhalb verreist. Ob man in Länder mit hohem Lebensstandard und Freiheitsgrad geht oder nicht. Unterm Strich lassen sich die meisten Probleme lösen, vor allem mit finanziellem Puffer.

So gibt es mittlerweile etliche Hotels oder Büroräume, in denen man sich einen Arbeitsplatz anmieten kann mit schneller Internetverbindung. Es gibt sogar Häuser für digitale Nomaden, in denen man in einer Gemeinschaft leben kann. Krankheitskosten bei behandlungsbedürftigen Problemen (hatte ich bisher glücklicherweise noch nicht, aber das fängt bereits bei Zahnschmerzen an) werden vor Ort bar bezahlt und spätere Rückerstattungen ggf. über die Auslandskrankenversicherung abgewickelt, sodass hier immer ein finanzieller Notgroschen dabei sein sollte.

4. Fazit

Wir leben im digitalen Zeitalter oder um es mit Robert Kiyosaki zu sagen: im Informationszeitalter. Mobiles Arbeiten ist in bestimmten Branchen mittlerweile selbstverständlich, wenn auch in Deutschland noch nicht so breit gefächert, wie es meiner Meinung nach im 21. Jahrhundert sein sollte. Auch haben verschiedene Studien in den letzten Jahren klar herausgearbeitet, dass Menschen in ihrem Job glücklicher sind, wenn sie ihre Arbeitszeit frei einteilen können. Ein selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Leben ist für mich ein erstrebenswertes Ziel. Das Konzept der Workation ist ein Teil davon. Dieses stellt eine Bereicherung zum normalen Joballtag dar.

Und wie steht es mit Dir? Hast Du bereits erste Erfahrungen mit einer Workation gesammelt? An welchem Ort warst Du da? Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

2 Kommentare zu „Workation: Realitätsscheck“

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